Schönenbucher Dorfgeschichte mit Zusätzen ...

 

"Auch für Kinder ist ein Dorf nicht die Welt. Es mögen sieh Lebensschicksale darin abspielen, Tragödien und Komödien, das Dorf wird dennoch von der Welt bestimmt, in Ruhe gelassen, vergessen oder vernichtet, und nicht umgekehrt. Das Dorf ist ein beliebiger Punkt im Weltganzen, nicht mehr, zufällig, durch nichts bedeutend und deshalb austauschbar."

Friedrich Dürrenmatt Labyrinth, 1990, 5. 19f.

Lesehilfe: Dieses Dürrenmatt-Zitat ist programmatisch in meinem Artikel, der in der "Heimatkunde Schönenbuch" 1994 im Verlag des Kantons Basel-Landschaft publiziert worden ist. Es soll die Bestimmtheit der Dorfgeschichte (geschrieben in grün) durch die Geschichte der grösseren, es umgebenden Einheiten gezeigt werden.

Wir wissen nur sehr wenig über früheste Geschichte des Menschen und wie er zu dem wurde, was er heute ist. Der Mensch in seiner heutigen Gestalt entwickelte sich um die letzte Eiszeit vor rund 10000 Jahren, die auch unserer Landschaft ihr noch heute weitgehend gültiges Gepräge gab. Die Bewusstwerdung des Menschen muss sich irgendwann in den letzten zehn Jahrtausenden abgespielt haben. Die ersten Hochkulturen vor rund 5000 Jahren zeugen davon. Frühe Hochkulturen existierten unseres Wissens nicht im dicht bewaldeten Herzen Europas. Das Leben unserer Vorfahren spielte sich im kleinen Rahmen einer Stammes- oder Dorfgemeinschaft ab und drehte sich hauptsächlich um die Auseinandersetzung mit den Launen der Natur, denen der frühe Mensch noch nahezu schutzlos ausgeliefert war. Seine Lage verbesserte sich schlagartig, als er sesshaft wurde, Ackerbau und Lagerwirtschaft zu treiben begann. Damit war der Grundstein zur Entstehung einer Kultur gelegt, die auch weitere Kreise ziehen konnte und noch heute sichtbare Spuren hinterliess.

Die erste dieser Hochkulturen, die auch in unserer heutigen Gesellschaft anerkanntermassen starke Nachwirkungen hat, ist die römische. Wahrscheinlich haben sich auch aus unserer Gegend Helvetier unter Orgetorix auf germanischen Druck hin auf den langen Weg nach Gallien begeben. Caesar liess dies aber nicht zu und zwang sie nach der im Jahre 58 v.Chr. bei Bibracte verlorenen Schlacht, in ihre angestammten Gebiete zurückzukehren.

Dabei dürften die dazumal erst vor kurzem aus Südwestdeutschland eingewanderten Stämme einen ihrer ersten echten Kulturschocks erlitten haben. Die gewaltsame Auseinandersetzung mit einer urbanen Weltkultur, die sich weit entfernt im Süden rasant entwickelt hatte, beeinflusste ihr Leben nachhaltig. Bis anhin hatte man nur von weitgereisten Handelsleuten über jene exotischen Völker gehört, die nun plötzlich leibhaftig vor der Tür standen. Auch am Rheinknie waren die Römer aktiv: die Siedlungen von Augusta Raurica und die 1937 in unserem Nachbarort Allschwil entdeckten Brandgräber aus den ersten Jahrzehnten n.Chr. zeugen davon. Ueber entsprechende Funde im Schönenbucher Gemeindebann ist nichts bekannt. Überhaupt hatten Grenzen in jener Zeit auch noch nicht die gleiche Bedeutung wie heute. Die Landschaft dieser Gegend hatte ein völlig anderes Gesicht: Der Grossteil der Fläche wurde von dichtem Urwald bedeckt, der von Bären, Luchsen, Wolfsrudeln und ähnlichen Tieren bewohnt war. In diesen Wäldern hatte sich der Mensch erst kleine Inseln als Siedlungsräume geschaffen.

Und doch wuchsen diese Siedlungen langsam zu Dörfern und Städten heran. Im ganzen von den Römern beeinflussten Europa kann ein Zivilisationseffekt beobachtet werden: Die an strategisch günstigen Stellen eingerichteten Militärlager der Besatzungstruppen bilden die Kristallisationskeime neuer Siedlungen. Im Umfeld dieser Römerlager siedelte dann auch verstärkt die einheimische Bevölkerung, die zur Versorgung der Truppen beitrug und vom Kontakt mit ihnen wirtschaftlich und kulturell auch profitierte. Auch die Stadt Basel (lat. Basilea) dürfte aus einem solchen Römerlager entstanden sein.

Der Rhein bildete die natürliche Grenze des römischen Reiches. Die Bewohner dieser Gegend dürften die mit dem Niedergang des römischen Weltreiches verbundenen, verstärkten Wanderungsbewegungen und Unruhen als erste zu spüren bekommen haben. Im vierten Jahrhundert n.Chr. Überfluteten die von den Hunnen bedrängten Germanen die Grenzen des römischen Reiches. Die germanischen Stämme werden u.a. auch durch Klimawechsel, Bevölkerungszunahme und die damit verbundene Landnot zur Wanderung gezwungen. Als Folge der Völkerwanderung wird der westliche Teil des römischen Reiches beseitigt und durch mehrere Germanenreiche ersetzt. In der Gegend um Basel waren dies v.a. die Alamannen. Aber nur den Staatsgründungen der Sachsen, Franken und Langobarden war eine längere Lebensdauer beschieden. Die dort erfolgte Tradierung spätantiker Zivilisation prägte wesentlich die abendländische Kultur des frühen Mittelalters. Die Zeit der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters wird uns aber mangels genügender schriftlicher Überlieferung immer dunkel bleiben.

In die Zeit des Hochmittelalters fällt auch die erste schriftliche Erwähnung eines Hofes, der auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Schönenbuch lag. Aus den vorhandenen Urkunden geht hervor, dass der Hof Schönenbuch zu Anfang des Jahres 1315 im Besitz des Frauenklosters St. Clara war Das Schönenbucher Urbar von 1627 sagt vom Hof dass ihn ´das Gottshaus Sant Claren vor uralten Zeitten auch lnnegehabt hatª und dass er seit damals eine eigene ´steinverfassung und bezirckheª, besessen habe, so dass also wohl damals schon zwei Drittel des zugehörigen Bodens aufAllschwi1er und ein Drittel aufHagentaler Gebiet lagen. Dem entsprechend waren auch Herrschaft und Gerichtsbarkeit über die zwei Drittel auf Allschwiler Gebiet dem Bischof von Basel überantwortet. Über das Hagentaler Drittel herrschten und richteten die Grafen von Thierstein.

Mit dem 14. Jahrhundert begann eine unruhige Zeit für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, dem auch die damals erst fragmentarisch vorhandene Schweiz noch angehörte. Vergeblich bemühten sich die Habsburger, der Ausbreitung der Eidgenossenschaft entgegenzuwirken. Mit der Eroberung des Aargau anno 1415 durch die Eidgenossen war die habsburgische Macht im Gebiet der Schweiz gebrochen. Durch viele blutig gewonnene Schlachten war das Selbstbewusstsein der Eidgenossen gestärkt, und sie wurden zum begehrten Bündnispartner bzw. Söldnerlieferanten für die Grossmächte. Seit den Burgunderkriegen (1474-77) lockerte sich das Verhältnis der Schweiz zum Reich immer mehr. Die Spannungen entluden sich 1499 im ´Schwabenkriegª. Vom Münstertal in Graubünden bis zum Rheinknie erstreckte sich die Frontlinie des Krieges, den der Kaiser gegen die abtrünnigen Eidgenossen eröffnete. Die vernichtende Niederlage in der Schlacht bei Dornach nahm ihm jedoch den Mut zu weiteren Kämpfen. Der Sieg der Eidgenossen bedeutete die faktische Loslösung der Schweiz vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Basel verhielt sich im Schwabenkrieg neutral. Die Mehrheit der Bevölkerung hielt jedoch zu den Eidgenossen. Mit diesen wurde denn auch der Bund von 1501 im gegenseitigen Einverständnis geschlossen, und zusammen mit den neu eintretenden Schaffhausen und Appenzell entstand der ´Bund der dreizehn alten Orteª. Seit 1501 gehört somit auch Schönenbuch zu jenem Staatenbund, der schliesslich zur heutigen Schweiz wurde.

In jene wirren Zeiten fiel auch die Spaltung der katholischen Kirche mit den sich in der Folge abspielenden politischen Erschütterungen, die innert kurzer Zeit das alte feudale Europa zerschmetterten. Den Anfang nahm diese Entwicklung im Jahre 15 17 mit der Befestigung von Martin Luthers 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche. Wie ein Flächenbrand verbreitete sich von diesem Zeitpunkt an die scharfe Kritik an der Kirche: 1526 wird in Zürich Zwinglis Reformprogramm durchgeführt, das alle katholischen Kultformen verbietet; 1528/29 tritt auch Basel unter Johannes Husschin (Oekolampad) zur Reformationsbewegung über. Ebenfalls in Basel publiziert Calvin 1536 sein Hauptwerk <Institutio religionis christianae>.

Diese weitreichenden Reformen und natürlich v.a. Basels Übertritt machten sich auch in Schönenbuch stark bemerkbar: in den ersten Tagen des Monats April 1529, also wenige Wochen, nachdem in Basel der Bildersturm gewütet hatte, glaubten drei Allschwiler, dieses Beispiel nachahmen zu müssen und drangen in die Kapelle von Schönenbuch ein, aus der sie die Heiligenbilder; hinauswarfen. Dies war auch die Gelegenheit, bei der das Bestehen einer kleinen Kirche bei Schönenbuch erstmals aktenkundig wurde. Noch heute erinnert der Flurnamen <Kapellenmatten> an den Standort jenes Gotteshauses. Wo genau es stand, können wir heute nicht mehr sagen.

Schönenbuch gehörte damals noch zur Kirchgemeinde Allschwil. Die Pächter des Hofes werden daher wahrscheinlich die reformierten Messen in Allschwil besucht haben, obwohl sie sich damit einige Schwierigkeiten mit den katholischen Besitzern des Hofes, der Herren von Eptingen in Hagental, eingehandelt haben dürften. Genaue Überlieferungen dazu sind aber nicht vorhanden.

In die gleiche Zeit wie diese religiösen Wirren fällt auch die eigentliche Entstehung der Nationalstaaten wie wir sie - ähnlich - noch heute kennen. Seit der Stabilisierungsphase nach der Völkerwanderung wurde Europa in letzter Instanz von Kaiser und Papst regiert. Dieser Zustand endete spätestens mit dem Westfälischen Frieden von 1648, der Europa nach dem dreissigjährigen Krieg befriedete und der neuzeitlichen Idee überkonfessioneller Staatsraison die Bahn brach. Durch den Westfälischen Frieden erhielt die Schweiz auch de iure die volle Unabhängigkeit vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dieser Verhandlungserfolg gebührt dem Basler Bürgermeister Wettstein, der, assistiert durch den Herzog von Orleans, erreichte, dass diejenigen Orte und Zugewandte, die zur Zeit des Schwabenkrieges noch nicht vollberechtigte Stände der Eidgenossenschaft gewesen waren (vergleiche oben), nicht mehr vom Reichskammergericht belangt werden konnten.

Der Dreissigiährige Krieg hatte auch für Schönenbuch schwerste Folgen: Nicht nur, dass die ständigen Umwälzungen ein Klima grösster Unsicherheit begünstigten; Schönenbuch hatte wahrscheinlich auch wie die meisten anderen Gemeinden in der Umgebung direkt unter den Folgen von Truppenbewegungen und Überfällen desertierter Soldaten zu leiden: 1632 wurde das 1627 rekatholisierte Allschwil von einem schwedischen Détachement für kurze Zeit besetzt. Zwei Jahre später überzogen die Schweden das gesamte Baselbiet mit den Schrecken des Krieges. Ähnliche Ereignisse wiederholten sich mit schöner Regelmässigkeit in den Jahren 1636 und 1638. Im Jahre 1643 zählte der Hof Schönenbuch elf lnhaber In die Zeit des Dreissigiährigen Kneges fällt auch das Jahr 1627, das für Schönenbuch in verschiedener Hinsicht von Belang war: Zum einen fand im Mai des Jahres die erzwungene Rekatholisierung der Kirchgemeinde Allschwil statt, der auch die Bewohner des Hofes Schönenbuch angeschlossen waren und daher Folge zu leisten hatten. Durch den Glaubenswechsel wurde auch der Wiederaujbau der zerfallenen Kapelle St. Niklaus möglich, die später zu einem kleinen Wallfahrtsort wurde. Zum anderen hatten Erbteilung und die daraus folgende Zerstückelung eine Neuregelung der Besitzverhältnisse auf dem Hof Schönenbuch notwendig gemacht, die 1627 mit dem ´Urbar und Justifflcatio des Erbhoffs Schönenbuchª vorgenommen wurde. Dieses für unsere Geschichtsschreibung bedeutsame Dokument kann heute im Heimatmuseum Allschwil eingesehen werden. Das Hofgut wurde in vier Hofquarten aufgeteilt, die jeweils einem Lehensträger zugeteilt wurden. Wir kennen sogar die Namen der ersten Lehensträger: Klaus Simon, Klaus Werdenberg, Georg Gschwind und Jakob Gottenkieny. Diese Lehensträger waren verpflichtet, den alten Besitzstand wieder herzustellen. Dies dürfte nicht ohne etliche Zwistigkeiten mit den Nachbarn abgegangen sein. Zu vielen Streitigkeiten Anlass gegeben hat auch damals schon die Loslösung der Schönenbucher Mühle vom Hofgut, die noch vor 1482 stattgefunden hatte. Möglicherweise hatte diese anderweitige Verleihung der Mühle zur Folge, dass sie heute noch auf französischem Territorium liegt.

Mit dem westfälischen Frieden fand eine gewaltige Verschiebung der europäischen Machtlage statt. Es begann die Epoche des säkularisierten Staates mit religiöser Toleranz, dessen Paradebeispiel Frankreich darstellt. Die Gefahr einer habsburgischen Hegemonie war beseitigt, Frankreich gewann unter Louis XIV. stark an Macht. Unter anderem dehnte es seine Grenzen auf Kosten des Herzogtums Burgund, um dessen Erbe sich Frankreich und Habsburg stritten, bis an den Rhein und an die westschweizerische Grenze aus. Die Schweiz wurde zu einer antihabsburgischen Position, in der sich

die französischen Ambassade in Solothurn fast wie eine zweite Regierung gebärdete. Im Deutschen Reich siegte die fürstliche Autonomie über die kaiserliche Zentralgewalt, so dass das Reich sich in einen Staatenbund auflöste, der die politische und militärische Ohnmacht Deutschlands besiegelte. Zum ersten Mal trennte sich Österreich vom Gesamtreich.

In diesem Zusammenhang muss auch der Besitzübergang an Solothurn gesehen werden. Als Folge einer Lösegeldzahlung für den von den Franzosen entführten Vogt Johann Erhard Schenk von Castel hatte Solothurn als Geldgeber ein grosses Guthaben gegenüber Schenk, der auch Besitzer von Schönenbuch war. Im Laufe der Verhandlungen mit Solothurn trat Schenk 1645 seinen Besitz in Schönenbuch an Solothurn ab. Mit dieser Erwerbung hatte Solothurn aber einen wenig lohnenden Schritt getan: Wegen der Kriegsschäden konnten die Schönenbucher ihren Zinsverpflichtungen kaum nachkommen. Nur dank der verworrenen Rechtslage konnten sich die Lebensleute trotz ihrer grossen Ausstände über den Berein von 1669 hinaus halten.

Die französische Vormachtstellung auf dem Kontinent wurde durch weitere Kriege ausgebaut: 1668 endet der Krieg gegen Spanien im Frieden von Aachen mit einem diplomatischen Misserfolg, der 1672-78 mit dem Krieg gegen die spanischen Niederlande gerächt wurde.

Auch dieser Krieg zeitigte FoIgen für die Basler Region. Das Elsass und die Freigrafschaft Burgund wurden einmal mehr zu Kriegsschauplätzen. Es fanden mehrere Übergriffe und Durchzüge der kriegführenden Parteien auf schweizer Gebiet statt. Darunter hatte bestimmt auch das an der Grenze gelegene Schönenbuch zu leiden. Probleme entstanden auf jeden Fall mit der erstarkenden französischen Nachbarschaft, die immer stärker in den sich formierenden Zentralstaat eingebunden wurde. 1680 wurden erstmals französische Steuerforderungen für die auf Hagenta1er Gebiet liegenden Felder des Hofgutes geltend gemacht, die aber noch einmal dank fürstbischöflicher Intervention abgewendet werden konnten. Die Lage spitzte sich zu: 1692 wurden im Besitz von Solothurnern (als solche galten die Schönenbucher damals) befindliche Grundstücke in Frankreich mit der Enteignung bedroht. Einsprachen bei der französischen Regionalbehörde fruchteten nichts mehr; die einmal in Gang gesetzte Staatsmaschine brauchte Geld und liess sich dabei nicht von einigen unbedeutenden Grenzbauern abhalten. So schickten sich auch die Schönenbucher in die missliche Lage und bezahlten nebst an Solothurn nun auch an Frankreich Steuern. Damit war die Angelegenheit aber nicht beendet. Von Frankreich aus wurde immer stärker darauf hingearbeitet, alle an den Landesgrenzen bestehenden alten Sonderrechte auszumerzen. Das zeigte sich auch immer wieder in den folgenden Jahren, als nebst Steuerforderungen nun auch die alt hergebrachte Zollfreiheit der Grenzbauern in Frage gestellt wurde. Dies geschah mit der Argumentation, dass damit zuviel Missbrauch getrieben würde. Damit waren sehr wahrscheinlich die intensiven Schmuggel- und ContrebandeAktivitäten gemeint, die sich vor allem um Schönenbuch dank seiner <idealen> Grenzlage abspielten. Um dieser leidigen Angelegenheit ein für alle Mal einen Riegel zu schieben, kam man bald einmal auf die Idee, einfach eine Grenzbegradigung vorzunehmen und Schönenbuch an Frankreich abzutreten. Ein derartiges Projekt wurde dreimal erwogen: Das erste Vorhaben versank durch den Regierungswechsel des Jahres 1743 in den Tiefen der Archive. So konnte denn auch Ende 1752 eine längst notwendige neue Ausmarchung des Schönenbucher Bannes in gegenseitigem Einverständnis stattfinden.

Der schwere Grenzzwischenfall von 1758 machte jedoch das Abtretungsprojekt wieder aktuell: Zwei französische Grenzwächter hatten bei der Verfolgung von Getreideschmugglern Schönenbucher Gebiet verletzt und wurden von der Schönenbucher Bevölkerung gestellt. Dabei kam der Schönenbucher Liert Simon durch einen Schuss der Franzosen zu Tode. In der darauffolgenden Auseinandersetzung wurde auch einer der Grenzwächter schwer verletzt, überlebte jedoch. In der Folge dieses Vorfalls wuchs die Bereitschaft des Bischofs, Schönenbuch an Frankreich abzutreten gegen die Überlassung der französischen Untertanen in Boncourt (Bubendorf) und Damvant. Wie lästig dem Bischof diese ständigen Querelen mit Schönenbuch waren, lässt sich schon aus dem Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung ermessen: Boncourt und Damvant zählten zusammen neun französische Familien, während das ganz bischöfliche Schönenbuch deren 24 auftvies, die in 19 Häusern wohnten und 339 Jucharten Feld und 12 Jucharten Wald diesseits der Grenze besassen. König Louis XV war mit diesem Abtauschgeschäft einverstanden und leitete das Nötige in die Wege. Das Vorhaben zerschlug sich aber schliesslich doch noch, und zwar wegen der Weigerung des Erzbischofes von Besançon, sich an einem geistlichen Abtausch zu beteiligen, der als Voraussetzung für das weltliche Geschäft betrachtet wurde.

Ein letztes Mal wurde die Abtretung von Schönenbuch im Austausch für Neuwiller im Jahre 1770 erwogen, aber nie ausgeführt, weil damit das Grenzproblem einfach verschoben worden wäre.

Wir sind mit unserer Betrachtung unterdessen am Vorabend der französischen Revolution angekommen. In Europa herrschte, von einigen Kabinettskriegen abgesehen, relative Ruhe; das Interesse der Grossmächte begann, sich weg von innereuropäischen Eroberungen vermehrt hin zur Aufteilung der übrigen Welt zu verschieben. Die Neutralität der Schweiz hatte nun endgültig Form und Anerkennung gefunden. Schon zur Zeit Louis XIV. entschloss man sich zum Prinzip bewaffneter Neutralität.

Bedeutsam waren auch die Reformen der Landwirtschaft im 18./19. Jh.: Zusammen mit dem Aufkommen neuer Ackergewächse (Kartoffel, Rotklee) wirkten sich der Einfluss moderner Anschauungen aus, welche den noch fast ausschliesslich betriebenen Getreidebau durch den Kunstgrasanbau und die Viehwirtschaft - mit Stallfütterung - zu ergänzen suchte. So entwickelte sich eine <verbesserte Dreifelderwirtschaft>, bei welcher die Brache dahinfiel und der Boden dauernd genutzt werden konnte, wobei der Wechsel des Anbaus und die Düngung für seine Regeneration sorgten. Diese neue Methode verbreitete sich rasch in der Nordwestschweiz, besonders nach dem Umbruch von 1798, der die Aufhebung des Flurzwangs zur Folge hatte.

Mit Immanuel Kants Formel ´Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeitª fand das Gedankengut der Aufklärung allgemeine Anerkennung. Sie vertritt im wesentlichen die Auffassung, dass die Vernunft das Wesen des Menschen darstelle, wodurch alle Menschen gleich seien und die Vernunft als einzige und letzte Instanz befähigt sei, über Wahrheit und Falschheit von Erkenntnissen zu entscheiden und die in ihrer Gesamtheit vernünftig angelegte Welt zu erkennen. Im politischen Bereich betonte die Aufklärung die Bedeutung unverzichtbarer Menschenrechte und setzte sich damit in massive Konkurrenz zur bisherigen Auffassung, dass der einzelne Mensch nur ein Teil des übergeordneten Staatsorganismus sei, und führte dadurch zu einer tendenziellen Auflockerung des festen absolutistischen Staatsgefüges. Dieses Gedankengut wurde vor allem auch in Frankreich brennend verfochten und erfuhr gleichzeitig eine starke Politisierung und Radikalisierung.

Derart fundamentale Veränderungen der geistigen Kategorien verlangten nach Entsprechung in den realen Verhältnissen: Die immer noch monarchisch geprägten Strukturen der europäischen Staatenwelt mussten an die neu gewonnene Mündigkeit der breiten Bevölkerung angepasst werden; so zum mindesten verstanden es die Revolutionäre jener Zeit.

Das politische Klima war schon durch die Demokratisierung in England anlässlich der Glorious Revolution von 1688 und der amerikanischen Unabhängigkeit von 1776 stark angeheizt. Auch in Frankreich hat es Ansätze zu einer Bewegung gegeben, die ähnlich wie die Glorious Revolution eine Veränderung von oben einleiten wollte. Sie setzten sich aber nicht durch. Die Krise kam zum Ausbruch, als der französische König wegen akuter Finanzprobleme die Generalstände einberufen musste, die neue Steuern erlassen konnten und gewöhnlich in Zeiten nationalen Notstandes das französische Volk einten. Am 1. Mai 1789 war die Lage jedoch anders. Anstatt dem König die so dringend erhoffte Entlastung zu gewähren, forderten die Generalstände die politische Gleichberechtigung des Dritten Standes (Handwerker, Bauern) mit dem Klerus und dem Adel und konstituierten die Nationalversammlung. Soweit war die Revolution primär Angelegenheit der Intellektuellen. Die breite Bevölkerung kam erst ins Spiel, als der König Truppen um Paris zusammenzog, um offenbar die Bewegung zu zerschlagen. Diese Bedrohung wurde mit dem Sturm auf die Bastille vom 14. Juli 1789 beantwortet. Frankreich gedenkt noch heute am 14. Juli dieses Anlasses, der den Auftakt darstellte zu einer Periode beispielloser Umgestaltung in Frankreich und ganz Europa. Zwei Jahre lang verlief die Revolution relativ kontrolliert. Eine neue republikanische Verfassung wurde ausgerufen, die die Institution der Monarchie noch beibehielt, sie aber jeglicher Macht beraubte. Das revolutionäre Chaos brach erst mit dem Jahr 1791 aus, das den Fluchtversuch des Königs brachte und im April 1792 in der Kriegserklärung an Österreich gipfelte. Die wirtschaftliche Versorgungslage in Frankreich ist katastrophal.

Diese Wirren waren mit Sicherheit auch in Schönenbuch folgenreich. Leider fehlen darüber präzise Aufzeichnungen. Man weiss aber, dass ständig Grenzverletzungen durch französische Soldaten registriert wurden. Schon bei Kriegsbeginn 1792 wurde das Bistum Basel und damit auch Schönenbuch von französischen Truppen annektiert und in die <Raurachische Republik> umgewandelt. Dieser französische Satellit wurde aber schon im November 1793 wieder als eigenes Departement Mont Terrible von Frankreich einverleibt und 1800 dem Departement Haut-Rhin unterstellt. Dort verblieb es bis zum 27. Januar 1814. An diesem Tage wurde ein selbständiger fürstbischöflicher Staat ausgerufen der bis zum 23. August 1815 Bestand hatte.

Die Wirren der französischen Revolution hatten inzwischen eine illustre Führungsgestalt hervorgebracht, die Frankreich innert kurzer Zeit zur herrschenden Macht Europas machte, es aber eben so schnell wieder auf die Verliererseite brachte: Napoleon Bonaparte. Dank seinen militärischen Erfolgen hatte er politisch einen kometenhaften Aufstieg, wurde 1799 erster Konsul und krönte sich 1804 zum Kaiser von Frankreich. Mit seinen Feldzügen führte er Frankreich zu einer imperialen Grossmachtspolitik, die ihn sehr schnell in Konflikt brachte mit den etablierten europäischen Mächten, die in der französischen Revolution ohnehin schon eine äusserst grosse Gefahr für ihre eigene Macht sahen und ihn daher schnellstmöglich unter Kontrolle zu bekommen suchten. Einen Export der Revolution mussten sie allerdings nur in den ersten Jahren von Napoleons Aufstieg fürchten, spätestens mit seiner Krönung zum Kaiser wurde er <nur> noch Grossmachtpolitiker.

Schon 1798 besetzte Napoleon die Schweiz und gab der neu gegründeten HeIvetischen Republik eine an die französische Verfassung angelehnte Einheitsverfassung, die jedoch schon 1802 wieder aufgehoben und durch die Mediationsverfassung ersetzt wurde. Jene brach bewusst mit der alten, aristokratisch regierten Eidgenossenschaft und errichtete einen Zentralstaat, der nach den Prinzipien der Gewaltentrennung organisiert war und dennoch die prominente Position der Kantone vor 1798 wieder herstellte. Über die künftige Organisation der Schweiz sagte Napoleon programmatisch und verdient damit, hier zitiert zu sein:

 

´Je mehr ich über die Beschaffenheit eures Landes nachgedacht habe, desto stärker überzeugt mich die Unmöglichkeit, es einer Gleichförmigkeit zu unterwerfen; alles führt zum Föderalismus hin. Unter den Staaten Europas kann die Schweiz keine bedeutende Rolle mehr spielen wie etwa zu der Zeit, als Frankreich in 60, Italien in 40 und Deutschland in über 100 einzelne Herrschaften aufgeteilt war. Der Schweiz bleibt nur übrig, ihre inneren Angelegenheiten wohl zu besorgen. Sie bedarf der Ruhe, der Unabhängigkeit und einer von allen Nachbarstaaten anerkannten Neutralität. Wie wollt ihr eine Zentralregierung bilden? Dazu besitzt ihr zuwenig ausgezeichnete Männer. (...) Ich bin selbst ein geborener Bergbewohner. Ich kenne den Geist solcher Menschen: nur keine Einheit, keine Truppen, keine Zentralfinanzen, keine Zentral abgaben.ª

Aber Napoleon war kein Erfolg beschieden: Seine imperialen Träume von einem Europa unter französischer Ägide zerbrachen am Widerstand der übrigen europäischen Grossmächte. Sein Abstieg setzte schon mit der katastrophalen Niederlage ein, die er im Russlandfeldzug 1812 einstecken musste. Nach seiner Abdankung 1815 beriefen die Siegermächte den Wiener Kongress ein, der die Neuordnung Europas vornehmen sollte und dem auch die Schweiz ihre heutige Existenz und Stellung in der Staatenwelt verdankt. Der Wiener Kongress leitete in Europa eine Phase der Restauration ein. Wiederhergestellt werden sollten die Verhältnisse, wie sie in Europa vor der französischen Revolution geherrscht hatten. Daher musste auch wieder eine neutrale Schweiz entstehen. Dies geschah in einer 

´Acte portant reconnaissance et garantie de la neutralité perpetuelle de la Suisse et de l'inviolabilité de son territaireª

durch die Mächte Österreich, Frankreich, England, Portugal, Preussen und Russland. Auch die viel zu progressive Mediationsverfassung war nicht genehm: Sie wurde durch einen konfliktträchtigen Bundesvertrag ersetzt, der den Keim der späteren Auseinandersetzungen schon in sich trug. Damals wurden aber auch die Grenzen der Schweiz neu gezogen, so, wie sie heute noch liegen.

Am Wiener Kongress fiel auch die für uns bedeutende Entscheidung über die nationale Zugehörigkeit von Schönenbuch. Das zum französischen Departement Haut-Rhin gehörige Bistum Basel wurde wieder von Frankreich gelöst und wegen uneinheitlicher Gliederung teils dem Kanton Bern, teils dem noch ungeteilten Kanton Basel zugeschlagen. Zu diesem kleinen, dem Kanton Basel zugeteilten Gebiet gehörte auch die Gemeinde Schönenbuch in ihren damals schon überlieferten Grenzen, also ohne das Hagentaler Drittel. Aber dessen war man sich in der Donaustadt kaum bewusst.

Die politische Autonomie erhielt die Gemeinde Schönenbuch erst mit der Loslösung von der Gemeinde Allschwil im Jahre 1816. Kirchlich wurde Schönenbuch 1837 selbständig, nachdem es schon 1825 eine Kapelle am Standort der heutigen Kirche erhalten hatte. Die alte St. Niklaus-Kapelle auf Hagentaler Grund ist wie erwähnt heute nicht mehr lokalisierbar; es ist anzunehmen, dass sie im späten 18. Jh. vollständig abgebrochen worden ist.

Wie die Gemeinde Schönenbuch auf die Trennung des BaseIbietes von der Stadt im Jahr 1833 reagierte, geht aus der Literatur nicht hervor In den Archiven dürfte dazu aber bestimmt weiteres zu finden sein.

In der übrigen Schweiz wie auch in ganz Europa wurde aber das Ziel des Wiener Kongresses, soweit es darin bestand, die vorrevolutionäre Ruhe und Ordnung wieder herzustellen, nur bis 1830 erreicht. Daran zeigt sich einmal mehr, dass das Rad der Geschichte auch mit aller Macht nicht zurückgedreht werden kann. 1830 brach nämlich wiederum in Paris die Juli-Revolution aus und läutete damit in Westeuropa das bürgerliche Zeitalter ein. Die bürgerlichen Kräfte erhielten in den konstitutionellen Monarchien (z.B. England) die Vormacht. Überall gab es Unruhen. Die eigentliche bürgerliche <Revolution> fand aber zuerst in der Schweiz statt und fand dementsprechend starke Beachtung im Ausland: ´Im Hochland fiel der erste Schuss, im Hochland wider die Pfaffenª beschrieb es idealistisch der deutsche Dichter Freiligrath. Zuerst folgten Umwälzungen in einzelnen Kantonen, zu denen auch die Trennung des Baselbietes von der Stadt gehörte. Dann spitzte sich der Streit zwischen Liberalen und Konservativen um eine neue Verfassung im Bunde zu, der sich in den Sonderbundskriegen von 1847 zu Gunsten der Liberalen entschied. Der Zwist hatte sich über der Frage entzündet, wieviel Einfluss die Kirche im Staat haben dürfe. Die Liberalen waren streng gegen jede kirchliche Einflussnahme, und so kam das Jesuitenverbot in der Bundesverfassung zustande, das erst vor kurzem aufgehoben worden ist.

Im Jahre 1848 war es dann soweit: Die Revision des Bundesvertrages wurde im Februar an die Hand genommen. Im Laufe des Sommers genehmigte die Tagsatzung, die Kantonsregierungen und schliesslich das Volk in allgemeiner Abstimmung die neue von Grund auf revidierte Bundesverfassung. Am 22. September hielt die Tagsatzung ihre letzte Sitzung ab, und am 6. November fand die erste Bundesversammlung der neuen eidgenössischen Räte in Bern statt. Der schweizerische Bundesstaat war geschaffen.

Diese Tatsache erregte natürlich auch in unserem kleinen Dorf etwelche Gefühlswallungen: Wahrscheinlich wurde es unseren Dorfbewohnern zum ersten Mal vollumfänglich bewusst, dass sie nun als autonome politische Gemeinde in einem selbstregierten Halbkanton dem jungen schweizerischen Bundesstaat angehörten. Zum ersten Mal gab es eine klare Trennung zum umliegenden Frankreich: Zu Beginn des Jahres 1850 erhielt Schönenbuch einen kantonalen Zolleinnehmer, der die vorgeschriebenen Zollgebühren einzuziehen und Bewilligungen für die zollfreie Einfuhr der Landwirte zu erteilen hatte. Es entstand ziemlich abrupt und recht spürbar eine schweizerische Landesgrenze. Mit aller Deutlichkeit zeigte sich, dass auch erstmals während des deutsch-französischen Krieges der Jahre 1870/71, als viele vom schnellen deutschen Vorstoss überraschte Elsässer in die angrenzende Schweiz flüchteten und dabei bestimmt auch in Schönenbuch Unterschlupf suchten. Unser Nachbardorf Neuwiller musste wie viele andere elsässische Dörfer im Dezember 1870 eine systematische Durchsuchung aller Häuser über sich ergehen lassen. Erstmals seit über 200 Jahren grenzte Schönenbuch wieder nicht mehr an Frankreich, sondern an das deutsche Reich.

Der deutsch-französische Krieg war entstanden durch die französische Prestigepolitik und durch die Furcht vor einer preussisch-deutschen Vorherrschaft in Europa. Frankreich hatte den Krieg erklärt und verlor ihn im Jahr 1871. In der Folge musste es Elsass-Lothringen an das deutsche Reich abtreten.

Im wirtschaftlichen Leben Europas hatte unterdessen eine Entwicklung begonnen, die später als die industrielle Revolution bezeichnet wurde. Sie hielt mit einer allgemeinen Mechanisierung der Arbeit Einzug ins tägliche Leben und beschleunigte sich immer mehr. Die Schweiz war hinter England das bedeutendste Industrieland der Welt. Die wichtigsten Bereiche waren die Uhren- und die Textilindustrie. Mit diesem starken Wachstum der industriellen Wirtschaft ging auch ein beinahe explosives Wachstum der Bevölkerung in den Industrieländern einher. 

Diese Entwicklung zeigte sich auch in der Nordwestschweiz. Die aus unserer <Kantonshymne> bekannte Seidenbandweberei brachte den bäuerlichen Bewohnern als Heimindustrie einen sehr willkommenen Nebenerwerb. In der Basler Landschaft zählte man am Ende des 18. Jhs. über 2200 Webstühle, an denen für über 20 in der Stadt Basel domizilierte Verlagshäuser gearbeitet wurde. Ihr Bestand hob sich im 19. Jhdt. sogar derart, dass Klagen aufkamen, die Posamenterei würde der Landwirtschaft zuviele Kräfte entziehen. Die Heimindustrie wurde im späteren 19. Jh. aus Kosten gründen in Fabriken zusammengefasst. Dies war jedoch vor der Elektrifizierung nur dort möglich, wo Energie in Form von Wasserkraft zur Verfügung stand. Dies war offenbar in Schönenbuch nicht der Fall. So blieb die Gemeinde in ihrem Erwerbsleben hauptsächlich auf die Landwirtschaft fixiert und entwickelte darin einen nicht geringen Fleiss, wie der alte Übername der Schönenbucher (Omeisele) andeutet.

Aber auch die Landwirtschaft hatte sich verändert: In Baselland ging man nach 1850 zu einer Fruchtwechselwirtschaft mit mehrjährigem Turnus über Die dank den aufkommenden modernen Verkehrsmitteln möglich gewordenen billigen Getreideimporte aus dem Ausland liessen auf den bis dahin weitgehend aufrecht erhaltenen Grundsatz der Selbstversorgung verzichten und der Milchproduktion vermehrt Gewicht zukommen.

Im <grossen> Europa ging unterdessen der Kampf der Staaten um die Macht weiter und spitzte sich langsam zu. England war international unbestrittene Number One und hatte sich ein Empire erobert, über dem die Sonne niemals unterging. Die anderen europäischen Mächte sahen das nicht gerne und suchten deshalb selber nach einem <Platz an der Sonne>, wie sich Bismarck blumig ausdrückte. Da aber die Erde in ihrer flächenhaften Ausdehnung bekanntlich begrenzt ist, musste der imperialistische Expansionsdrang der Grossmächte über kurz oder lang zur Konfrontation führen.

Nach dem deutsch-französischen Krieg erlebte die Schweiz eine verhältnismässig lange Zeit der Ruhe und des Aufbaus. Die neue Bundesverfassung von 1878, die - stark verändert - noch heute in Kraft ist, führte als wichtigste Neuerung gegenüber der Verfassung von 1848 das fakultative Gesetzesreferendum ein und erweiterte die Bundeskompetenz im Militärwesen, das im Krieg 1870/71 etliche Schwächen gezeigt hatte. Später wurde auch die Verfassungsinitiative eingeführt und die Gesetzgebungskompetenz weiter von den Kantonen auf den Bund verlagert.

Die unterdessen zwischen den Grossmächten aufgestauten Spannungen entluden sich mit dem Ausbruch eines Krieges, der in der Anfangsphase noch die Charakteristika eines klassischen Kabinettskrieges hatte, sich aber immer mehr zum bestialischsten Krieg entwickelte, den sich die Welt bis dahin geleistet hatte. Der unmittelbare Anlass dazu war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau am 28. Juni 1914 durch die Geheimorganisation <Schwarze Hand> in Sarajewo. Mit der fortschreitenden Ausbildung einer Reihe selbständiger Nationalstaaten auf dem Balkan, die mit der historischen Tatsache des habsburgischen Vielvölkerstaates im Donauraum unvereinbar war, entstand eine Hochspannung, in der eine friedliche Lösung des Konfliktes nicht mehr möglich schien.

Die österreich-ungarische Kriegserklärung an Serbien, die einen Monat später erfolgte, wurde massgeblich unterstützt durch die deutsche Rückendeckung, die durch ein umfassendes europäisches Bündnissystem gesichert war. Dieses Bündnissystem, dessen ursprüngliche Aufgabe es gewesen war, den Frieden in einem Europa des Mächtegleichgewichtes zu sichern, war es nun, das die Eskalation des Krieges so stark vorantrieb. Innert kurzer Zeit befanden sich so alle wichtigen europäischen und bald auch aussereuropäische Mächte im Kriegszustand.

Die Schweiz reagierte mit der Generalmobilmachung am 3. August 1914 auf die Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich, das Russland seine Unterstützung gegen Deutschland zugesichert hatte. Die wirtschaftliche Lage in der Schweiz wurde wegen der mangelnden Rohstoffe sehr bald schwierig: Die Schweiz musste den kriegführenden Nationen für die eigene Verwendung der importierten Rohstoffe und Nahrungsmittel bürgen und entsprechende Überwachungsstellen einrichten. Die erst im Jahr 1917 eingeführte Rationierung bereitete vor allem der Arbeiterschaft schwerwiegende wirtschaftliche Probleme. Auf politischer Ebene suchte die Schweiz jedoch ihre strikte Neutralität zu wahren, obwohl das Land bald nach Kriegsbeginn durch unterschiedliche Sympathien der einzelnen Sprachregionen für die eine oder andere Kriegspartei erschüttert wurde.

Die Folgen des Krieges und der Generalmobilmachung zeigten sich natürlich in der Grenzregion am stärksten. Im Schönenbucher Schulhaus wurde ein Kantonnement eingerichtet. Die Schliessung des Grenzabschnittes von Allschwil über Schönenbuch bis Benken durch starke Truppenverbände schnitt auch Schönenbuch von seiner so wichtigen elsässischen Nachbarschaft ab. Trotz dieser Abriegelung gewann aber der Schmuggel wieder vermehrt an Bedeutung, obwohl wahrscheinlich die Versorgungslage im Bauerndorf Schönenbuch nicht so schlecht war wie in den grösseren industrieabhängigen Ortschaften.

Schon sehr bald fanden jenseits der Grenze erbitterte Kämpfe statt. Die viele Stunden dauernden Kanonaden raubten wohl manchem den Schlaf

Mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 im Wald von Compiègne ging der erste Weltkrieg zu Ende. Er kostete rund 10 Millionen Menschen das Leben und der doppelten Zahl die Gesundheit. Deutschland hatte nicht nur das besetzte Elsass wieder zu räumen, sondern musste auch das Saarland an Frankreich abtreten. Die Frage der Kriegsschuld fand in der Nachkriegspropaganda grosse Bedeutung. Im Versailler Friedensvertrag von 1919 musste Deutschland die Alleinschuld auf sich nehmen. Mit ihr wurden alle Reparationsansprüche der Siegermächte begründet. Die Bedeutung der erzwungenen Anerkennung der deutschen Kriegsschuld für die Propaganda der politischen Rechten in der Weimarer Republik, den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung und die weitere Geschichte des deutschen Reiches ist hoch zu veranschlagen.

Das Ende des ersten Weltkrieges brachte eine tiefgreifende Umgestaltung der gesamten Weltpolitik. Die Landkarte in Europa veränderte sich stark: Anstelle der 17 Monarchien und drei Republiken von vor 1914 gab es nun 13 Republiken und nur noch 13 Monarchien. Die Bedeutung Europas in der Welt nahm stark ab: Zum ersten Mal wurden jene beiden Mächte aktiv, die für lange Zeit die Weltpolitik bestimmen sollten: die USA und die UdSSR. Erstmals wurde auch eine internationale Organisation gegründet, die zum Ziel hatte, das Nachkriegsmotto <Nie wieder Krieg!> zu realisieren: der Völkerbund. Genf wurde zum Sitz des Völkerbundes, dem 1920 auch die Schweiz beitrat. Seine Zielsetzung sollte der Völkerbund allerdings nur unzureichend und kurze Zeit erfüllen.

Nach dem Ende des ersten Weltkrieges geschahen auch in der Schweiz politisch bedeutende Dinge. Die sozialistische Arbeiterbewegung hatte sich mit dem Generalstreik von 1918 grosse Aufmerksamkeit verschafft. In den Nationalratswahlen von 1919, die erstmals nach dem Proporzsystem abgehalten wurden, errang die Sozialdemokratie auf Kosten des Freisinns erdrutschartig einen grossen Sitzanteil.

Der Ruf nach <Nie wieder Krieg>, der anfangs grosse Begeisterung ausgelöst hatte, wurde allerdings im Verlauf der <roaring twenties> immer seltener. Vollends verstummte er mit der katastrophalen Verschlechterung der volkswirtschaftlichen Lage in allen industrialisierten Ländern, die mit dem <schwarzen Freitag> vom 24. Oktober 1929 ihren Anfang nahm und bis zum neuerlichen Ausbruch des zweiten Weltkrieges andauerte.

In Deutschland war nach der Niederlage des ersten Weltkrieges die Meinung weit verbreitet, dass der Versailler Frieden mit inakzeptablen Bedingungen verbunden gewesen sei und daher auf die eine oder andere Art rückgängig gemacht werden müsse. Dies war neben vielen anderen ein Grund für den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung, die den Deutschen eine Wiederherstellung der deutschen Ehre und die Ausweitung der deutschen Macht auf ein <angemessenes> Mass versprach. Diesem Ziel entsprachen auch die Expansionen der deutschen Macht auf das Saarland und den Grossteil der erst nach dem Krieg entstandenen Tschechoslowakei, mit dem die Alliierten im Münchner Abkommen von 1938 den Machthunger des Hitler-Regimes zu besänftigen hofften. Es war aber nicht genug.

Schon am 28. August 1939, vier Tage vor dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939, der den zweiten Weltkrieg auslöste, machte der Bundesrat die Grenztruppen mobil. Die Generalmobilmachung wurde am Tag des deutschen Überfalles befohlen. Auch der Fehler der im ersten Weltkrieg viel zu spät erfolgten Rationierung wurde nicht mehr begangen.

Knapp zwanzig Jahre nach der ersten Grenzbesetzung wurde Schönenbuch nun wieder von seinem elsässischen Umland abgeschnitten, das nach Kriegsbeginn grösstenteils evakuiert wurde, da man im Kriegsfall einen massiven deutschen Angriff auf die Maginot-Linie erwartete.

Auch die Kinder der Familien Gasser aus der alten Dorfmühle und Jenny vom Klepferhof im französischen Hagenthal konnten plötzlich nicht mehr wie gewohnt in Schönenbuch zur Schule gehen. Ein echter eiserner Vorhang hatte sich ihnen in den Schulweg gelegt. Bis dahin war man übereingekommen, dass diese Kinder aus praktischen Gründen (das nächste Schulhaus war weit weg) die Gesamtschule von Lehrer Armand Vogt in Schönenbuch besuchen konnten. Lehrer Vogt unterrichtete hier von 1921 bis 1957 in einem Raum des alten Schulhauses alle acht Schulklassen mit gesamthaft zwischen dreissig und sechzig Schülern.

Kurz nachdem aber die deutschen Truppen im <Blitzkrieg> die MaginotLinie via Belgien umgangen hatten und das Elsass ein weiteres Mal zu besetzen drohten, sprengten die französischen Grenztruppen die Brücke über den Lerzbach mit solcher Wucht, dass die Betontrümmer bis ins Dorf flogen. Aber die Deutschen kamen trotzdem. Obwohl Schönenbuch auf französischer Seite von einem fünf Meter breiten Stacheldrahtverhau umgeben war, versuchten die Landwirte doch noch so lange wie möglich, ihr elsässer Land zu bebauen. Es kamen auch noch viele Flüchtlinge über die Grenze. Die Bewachung der Schönenbucher Grenze war Aufgabe einer rund 30 Mann starken Armeeabteilung, die im Schulhaus und im Restaurant Zum Bad einquartiert worden waren. Die Eltern des Autors können sich noch gut an die unheimlichen Gefühle erinnern, die das tiefe Brummen einer schwer beladenen Bomberflotte erregt, zumal man sie nach einiger Zeit wieder hörbar erleichtert zurückfliegen sehen konnte... ein französischer Aufklärer wurde am 15. Oktober 1944 abgeschossen und schlug nahe beim Dorf <im Chalbergarten> auf Sein Pilot konnte sich mit dem Fallschirm retten, ging aber auf der deutschen Seite nieder.

Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges nähern sich auch unsere geschichtlichen Betrachtungen ihrem Ende. Durch diesen schrecklichsten Krieg in der Geschichte der Menschheit, verloren Dutzende von Millionen Menschen ihr Leben, die Verwüstungen in ganz Europa waren total. Durch den ersten Einsatz von Atomwaffen über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 durch die USA wurde das Zeitalter der nuklearen Aufrüstung begründet. In einer beispiellosen technisch-wissenschaftlichen Entwicklung entstand die Welt, in der wir heute leben.

 

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